Gesicht · Analyse
Was ein schönes Gesicht ausmacht und was es über Gesundheit verrät
Symmetrie, der goldene Schnitt, das Durchschnittsgesicht: Über die Schönheit des Gesichts kursieren viele Regeln. Wir prüfen sie an echten Daten. Dazu haben wir die Form von 102 Gesichtern aus dem Face Research Lab London Set mit Landmarken vermessen und mit 256.326 Attraktivitätsurteilen verglichen. Dazu kommt der Stand der Forschung: was Metaanalysen über Symmetrie, Durchschnittlichkeit und Geschlechtsmerkmale finden, und ob ein schönes Gesicht wirklich Gesundheit verrät.
Liegt Schönheit im Auge des Betrachters?
Das Face Research Lab London Set ist ein frei verfügbarer Forschungsdatensatz der Psychologinnen Lisa DeBruine und Benedict Jones. Er enthält Fotos von 102 Erwachsenen (49 Frauen, 53 Männer), aufgenommen 2012 in London: frontal, neutraler Ausdruck, gleiches Licht. 2.513 Menschen haben jedes dieser Gesichter auf einer Skala von 1 („viel weniger attraktiv als der Durchschnitt“) bis 7 („viel attraktiver als der Durchschnitt“) bewertet, zusammen 256.326 Urteile.
Daraus lässt sich ablesen, wie einig sich Menschen sind. Die Antwort hat zwei Seiten. Zwei einzelne Rater stimmen nur mäßig überein: Ihre Urteile korrelieren im Mittel mit r = 0,35. Vergleicht man einen einzelnen Rater mit dem Urteil aller anderen, liegt die Übereinstimmung bei r = 0,62; bei einem Zehntel der Rater unter 0,41, bei einem anderen Zehntel über 0,74. Ein Teil des Urteils ist also privat, ein Teil Messrauschen, ein Teil geteilt.
Mittelt man aber über mehrere Menschen, heben sich die privaten Vorlieben gegenseitig auf. Schon zehn Rater ergeben ein Urteil mit einer Zuverlässigkeit von 0,84, alle 2.513 zusammen 0,999.
Je mehr Urteile, desto klarer das Bild
Zuverlässigkeit des Mittelwerts aus k Ratern (0 = Zufall, 1 = perfekt reproduzierbar)
Zuverlässigkeit
Werte als Tabelle
| Zuverlässigkeit | |
|---|---|
| 1 Rater | 0,35 |
| 2 Rater | 0,52 |
| 3 Rater | 0,62 |
| 5 Rater | 0,73 |
| 10 Rater | 0,84 |
| 20 Rater | 0,91 |
| 50 Rater | 0,96 |
| 100 Rater | 0,98 |
Besonders deutlich wird der geteilte Anteil, wenn man Gruppen vergleicht, von denen man unterschiedlichen Geschmack erwarten würde. Frauen und Männer kommen bei Frauengesichtern auf eine Übereinstimmung von 0,97, bei Männergesichtern auf 0,98. Unter 25-Jährige und über 35-Jährige urteilen ebenso gleich, und auch Menschen, die sich für Männer interessieren, und Menschen, die sich für Frauen interessieren.
Verschiedene Gruppen, fast dasselbe Urteil
Korrelation der Mittelwerte zweier Ratergruppen über die Gesichter
| Vergleich | Rater (a / b) | Frauengesichter | Männergesichter |
|---|---|---|---|
| Frauen – Männer | 1.552 / 955 | 0,97 | 0,98 |
| unter 25 – ab 35 | 1.499 / 425 | 0,97 | 0,96 |
| an Männern interessiert – an Frauen interessiert | 1.242 / 748 | 0,97 | 0,99 |
Das deckt sich mit der großen Metaanalyse von Judith Langlois und Kollegen aus dem Jahr 2000. Innerhalb einer Kultur stimmten zwei einzelne Erwachsene im Mittel mit r = 0,47 überein, die Mittelwerte von Rater-Gruppen mit 0,90. Zwischen Kulturen lag die Übereinstimmung der Gruppenmittel sogar bei 0,94. Wie groß der private Anteil ist, haben Johannes Hönekopp (2006) und eine Zwillingsstudie von Laura Germine und Kollegen (2015) mit wiederholten Messungen bestimmt: Rund die Hälfte der verlässlichen Unterschiede im Urteil ist geteilter Geschmack, die andere Hälfte persönlicher. Der persönliche Teil stammt nach der Zwillingsstudie vor allem aus individuellen Erfahrungen, nur zu einem kleinen Teil aus den Genen.
Schönheit liegt etwa zur Hälfte im Auge des Betrachters und zur Hälfte im Gesicht. Über viele Betrachter gemittelt, bleibt fast nur das Gesicht.
Noch ein Nebenbefund: Frauengesichter bekamen im Mittel 3,4 Punkte, Männergesichter 2,7, und zwar von Frauen wie von Männern.
Das Durchschnittsgesicht
1990 legten Judith Langlois und Lori Roggman Fotos von Gesichtern digital übereinander. Die so entstandenen Durchschnittsgesichter wurden attraktiver bewertet als fast alle Einzelgesichter, und umso attraktiver, je mehr Gesichter eingeflossen waren. David Perrett und Kollegen zeigten 1994 in Nature, dass das nicht die ganze Wahrheit ist: Der Durchschnitt der attraktivsten Gesichter wurde dem Durchschnitt aller vorgezogen. Und wenn man dessen Abweichungen vom Gesamtdurchschnitt übertrieb, stieg die Attraktivität weiter.
Wir haben das mit dem London Set nachgestellt. Jedes Foto wurde anhand seiner 189 Landmarken auf die mittlere Form der Gruppe verzerrt, dann wurden die Bilder gemittelt. In der Mitte stehen die Durchschnittsgesichter aller Frauen und aller Männer, links der zehn am schwächsten, rechts der zehn am besten bewerteten.
Durchschnittsgesichter
Jedes Bild ist ein Composite: Fotos auf die mittlere Form verzerrt und übereinandergelegt






Drei Dinge fallen auf. Alle Composites wirken glatter und ebenmäßiger als die meisten Einzelfotos, denn Hautunreinheiten und kleine Asymmetrien mitteln sich heraus. Das ist ein Grund, warum Durchschnittsgesichter gefallen, und zugleich ein Einwand gegen die Methode: Sie misst nicht nur Durchschnittlichkeit der Form, sondern auch glattere Haut. Zweitens unterscheiden sich die Composites der am besten und am schwächsten Bewerteten deutlich, wie bei Perrett. Drittens wirken die schwächer Bewerteten älter und haben vollere Gesichter. Das Alter ist im London Set der stärkste einzelne Faktor.
Symmetrie, Durchschnittlichkeit, Geschlechtstypik: was die Daten zeigen
Um die Form zu messen, haben wir 94 Landmarken von Augen, Brauen, Nase, Mund und Kinnlinie verwendet. Ohren, Haaransatz und Kopfumriss haben wir weggelassen, weil sie von Frisur und Kopfhaltung abhängen. Nach einer Procrustes-Analyse, die Größe, Lage und Drehung herausrechnet, bleiben drei Maße:
- Symmetrie: wie stark ein Gesicht von seinem eigenen Spiegelbild abweicht.
- Durchschnittlichkeit: wie nah die Form an der mittleren Form des eigenen Geschlechts liegt.
- Geschlechtstypik: wo die Form auf der Achse zwischen der mittleren Frauen- und der mittleren Männerform liegt.
Was im London Set mit dem Urteil zusammenhängt
Korrelation r mit der mittleren Attraktivität, 95-%-Intervall; rechts von 0 = attraktiver
Werte als Tabelle
| Wert (r) | 95-%-Intervall | n | |
|---|---|---|---|
| Frauen: Weiblichkeit der Form | 0,39 | 0,12 – 0,60 | 49 |
| Frauen: Durchschnittlichkeit | 0,36 | 0,08 – 0,58 | 49 |
| Frauen: Symmetrie | 0,11 | −0,18 – 0,38 | 49 |
| Frauen: jünger | 0,46 | 0,20 – 0,66 | 48 |
| Männer: Männlichkeit der Form | −0,09 | −0,35 – 0,19 | 53 |
| Männer: Durchschnittlichkeit | 0,12 | −0,16 – 0,38 | 53 |
| Männer: Symmetrie | −0,15 | −0,41 – 0,12 | 53 |
| Männer: jünger | 0,34 | 0,08 – 0,56 | 52 |
Bei Frauengesichtern hängen zwei der drei Formmaße deutlich mit dem Urteil zusammen. Weiblichere Formen werden besser bewertet (r = 0,39, 95-%-Intervall 0,12 bis 0,60), durchschnittlichere ebenfalls (r = 0,36). Beide Effekte bleiben bestehen, wenn man sie zusammen mit dem Alter betrachtet; das stärkste Gewicht hat dabei die Weiblichkeit (0,31 Standardabweichungen je Standardabweichung). Zusammen erklären die vier Merkmale 39 % der Unterschiede im Urteil.
Weiblichere Gesichtsform, besseres Urteil
49 Frauengesichter; Formindex 0 = mittlere Frauenform, −1 = mittlere Männerform
Werte als Tabelle
| Weiblichkeit der Form | Attraktivität (1–7) | Gruppe | |
|---|---|---|---|
| Gesicht 001 (24 J.) | 0,79 | 3,62 | Frauengesicht |
| Gesicht 002 (24 J.) | 0,12 | 3,55 | Frauengesicht |
| Gesicht 003 (38 J.) | 0,24 | 3,08 | Frauengesicht |
| Gesicht 006 (31 J.) | −0,24 | 2,36 | Frauengesicht |
| Gesicht 007 (21 J.) | 0,71 | 3,99 | Frauengesicht |
| Gesicht 009 (22 J.) | 0,66 | 4,61 | Frauengesicht |
| Gesicht 010 (26 J.) | −0,29 | 3,23 | Frauengesicht |
| Gesicht 011 (36 J.) | −0,25 | 2,75 | Frauengesicht |
| Gesicht 013 (26 J.) | −0,20 | 2,33 | Frauengesicht |
| Gesicht 014 (23 J.) | 0,04 | 3,77 | Frauengesicht |
| Gesicht 016 (23 J.) | −0,64 | 3,05 | Frauengesicht |
| Gesicht 019 (24 J.) | −0,34 | 3,18 | Frauengesicht |
| Gesicht 020 (35 J.) | −0,80 | 2,14 | Frauengesicht |
| Gesicht 025 (21 J.) | 0,04 | 3,12 | Frauengesicht |
| Gesicht 027 (26 J.) | −0,01 | 4,85 | Frauengesicht |
| Gesicht 030 (24 J.) | −0,04 | 4,41 | Frauengesicht |
| Gesicht 032 (36 J.) | 0,41 | 3,33 | Frauengesicht |
| Gesicht 034 (24 J.) | −0,01 | 2,91 | Frauengesicht |
| Gesicht 038 (40 J.) | −1,26 | 1,58 | Frauengesicht |
| Gesicht 039 (27 J.) | −0,14 | 4,18 | Frauengesicht |
| Gesicht 062 (30 J.) | 0,08 | 2,73 | Frauengesicht |
| Gesicht 064 (25 J.) | −1,03 | 2,68 | Frauengesicht |
| Gesicht 066 (22 J.) | −0,14 | 3,82 | Frauengesicht |
| Gesicht 081 (25 J.) | 0,03 | 2,95 | Frauengesicht |
| Gesicht 083 (21 J.) | −0,58 | 3,51 | Frauengesicht |
| Gesicht 086 (23 J.) | −0,20 | 4,01 | Frauengesicht |
| Gesicht 087 (31 J.) | −0,09 | 3,40 | Frauengesicht |
| Gesicht 090 (29 J.) | 0,28 | 3,07 | Frauengesicht |
| Gesicht 091 (20 J.) | −0,45 | 3,95 | Frauengesicht |
| Gesicht 094 (25 J.) | 0,46 | 3,82 | Frauengesicht |
| Gesicht 097 (19 J.) | −0,58 | 3,48 | Frauengesicht |
| Gesicht 099 (24 J.) | 0,23 | 3,10 | Frauengesicht |
| Gesicht 100 (19 J.) | 0,10 | 4,30 | Frauengesicht |
| Gesicht 102 (31 J.) | −0,62 | 2,18 | Frauengesicht |
| Gesicht 107 (41 J.) | 0,06 | 3,51 | Frauengesicht |
| Gesicht 112 (29 J.) | 0,32 | 4,38 | Frauengesicht |
| Gesicht 113 (33 J.) | −0,47 | 3,55 | Frauengesicht |
| Gesicht 118 (22 J.) | −0,03 | 3,24 | Frauengesicht |
| Gesicht 120 (37 J.) | 0,67 | 2,18 | Frauengesicht |
| Gesicht 122 (23 J.) | 0,27 | 3,76 | Frauengesicht |
| Gesicht 124 (28 J.) | 0,31 | 5,68 | Frauengesicht |
| Gesicht 126 (25 J.) | −0,04 | 3,86 | Frauengesicht |
| Gesicht 127 (28 J.) | 0,79 | 3,58 | Frauengesicht |
| Gesicht 129 (21 J.) | 0,41 | 2,50 | Frauengesicht |
| Gesicht 134 (21 J.) | 0,05 | 4,06 | Frauengesicht |
| Gesicht 135 (? J.) | 0,22 | 2,70 | Frauengesicht |
| Gesicht 136 (54 J.) | −0,07 | 2,29 | Frauengesicht |
| Gesicht 139 (25 J.) | 0,30 | 3,81 | Frauengesicht |
| Gesicht 144 (27 J.) | −0,04 | 3,50 | Frauengesicht |
Bei Männergesichtern ist das Bild anders. Weder eine männlichere Form (r = −0,09) noch eine durchschnittlichere (0,12) geht mit einem besseren Urteil einher; die Intervalle schließen null ein. Was bei Männern das Urteil bestimmt, erfassen unsere Formmaße offenbar kaum: Mit dem Alter zusammen erklären sie nur 15 %. Haut, Haare, Bart, Ausdruck und Körperfett dürften einen größeren Anteil haben.
Für Symmetrie finden wir weder bei Frauen (0,11) noch bei Männern (−0,15) einen Zusammenhang. Hier ist allerdings Vorsicht nötig. Schon eine leichte Drehung des Kopfes lässt ein Gesicht im Foto asymmetrisch erscheinen; im London Set korreliert unser Asymmetriemaß mit 0,40 mit der geschätzten Kopfdrehung. Wir haben das herausgerechnet, aber kleine echte Asymmetrien sind auf Fotos kaum von Messfehlern zu trennen, und Messfehler drücken einen Zusammenhang Richtung null.
Was die Forschung insgesamt findet
Ein einzelner Datensatz mit gut hundert Gesichtern kann nur Hinweise geben. Wie stark die drei Merkmale über viele Studien hinweg wirken, hat die australische Psychologin Gillian Rhodes 2006 in einer Metaanalyse zusammengefasst.
Was die Forschung insgesamt findet
Metaanalyse über Dutzende Studien: Effektgröße r mit 95-%-Intervall
Werte als Tabelle
| Wert (r) | 95-%-Intervall | n | |
|---|---|---|---|
| Durchschnittlichkeit, alle Studien | 0,52 | 0,42 – 0,61 | 45 |
| Durchschnittlichkeit, echte Gesichter | 0,40 | 0,29 – 0,51 | 27 |
| Symmetrie, alle Studien | 0,25 | 0,16 – 0,33 | 63 |
| Symmetrie, echte Gesichter | 0,23 | 0,17 – 0,30 | 42 |
| Frauen: Weiblichkeit, alle Studien | 0,64 | 0,51 – 0,74 | 18 |
| Männer: Männlichkeit, alle Studien | −0,12 | −0,35 – 0,14 | 22 |
| Männer: Männlichkeit, echte Gesichter | 0,35 | 0,23 – 0,45 | 10 |
Am stärksten wirkt Weiblichkeit bei Frauengesichtern (r = 0,64). Durchschnittlichkeit wirkt deutlich, bei echten, unveränderten Gesichtern mit r = 0,40. Symmetrie wirkt schwächer (r = 0,23). Am uneinheitlichsten ist Männlichkeit bei Männergesichtern: In Studien mit echten Gesichtern wirkt sie positiv (r = 0,35), über alle Studien gemittelt nicht (−0,12), weil am Computer vermännlichte Gesichter oft als weniger attraktiv beurteilt werden.
Unsere Ergebnisse passen gut zu diesem Bild, mit zwei Abweichungen: Symmetrie und männliche Form zeigen im London Set gar keinen Zusammenhang. Bei der kleinen Stichprobe ist beides mit den Werten der Metaanalyse vereinbar; die Intervalle überlappen.
Haut: das unterschätzte Signal
Die meisten Studien zur Schönheit messen die Form. Doch wie die Composites zeigen, spielt die Haut eine große Rolle. Ebenmäßige Hauttextur und gleichmäßige Hautfarbe gehen in mehreren Studien mit höherer Attraktivität, Gesundheit und Jugendlichkeit einher (Fink u. a. 2001; Matts u. a. 2007). Benedict Jones und Kollegen schätzten 2021, dass die Weiblichkeit der Form allein nur etwa 11 % der Unterschiede in der Attraktivität erklärt, ein Modell aus Form und Farbe zusammen etwa 40 %.
Ein bekanntes Beispiel ist die Hautfarbe durch Ernährung. Wer mehr Obst und Gemüse isst, lagert Carotinoide in der Haut ein, die sie gelblicher und rosiger machen. In einer kleinen Studie von Ross Whitehead und Kollegen (2012) mit 35 Teilnehmern waren solche Veränderungen nach sechs Wochen messbar, nach drei Wochen noch nicht. Die Studie wurde von einem Lebensmittelkonzern gefördert und untersuchte nur helle Haut. Eine andere Studie fand keinen Einfluss der Hautfarbe auf die Attraktivität (Foo u. a. 2017). Das Thema ist weniger gesichert, als populäre Darstellungen nahelegen.
Verrät das Gesicht Gesundheit?
Die einflussreichste Erklärung für Schönheit stammt aus der Evolutionsbiologie: Symmetrie, Durchschnittlichkeit und ausgeprägte Geschlechtsmerkmale seien Zeichen guter Gene und eines robusten Immunsystems, und wer sie attraktiv findet, wähle gesündere Partner. Die Idee ist elegant, aber sie lässt sich prüfen. Man muss nur Gesichter mit tatsächlich gemessener Gesundheit vergleichen.
Verrät Attraktivität echte Gesundheit?
Studien, die Gesichter mit gemessener Gesundheit verglichen haben
| Studie | Stichprobe | Gemessen | Ergebnis |
|---|---|---|---|
| Kalick u. a. 1998 | 333 Jugendliche (Fotos), Gesundheit damals und später | Attraktivität | kein Zusammenhang mit Gesundheit; Attraktive wurden fälschlich für gesünder gehalten |
| Rhodes u. a. 2001 | Gesichtsfotos mit Gesundheitsdaten | Symmetrie, Durchschnittlichkeit | Symmetrie: kein Zusammenhang; sehr untypische Gesichter teils etwas weniger gesund |
| Pound u. a. 2014 | 4.732 Jugendliche (3D-Scans, ALSPAC) | Asymmetrie | kein Zusammenhang mit Krankheiten in der Kindheit |
| Foo u. a. 2017 | 181 junge Erwachsene | Immunfunktion, oxidativer Stress, Spermienqualität | nur schwache, teils widersprüchliche Zusammenhänge |
| Cai u. a. 2019 | 590 Frauen, 221 mit Immunmarker (IgA) | Infektanfälligkeit | kein Zusammenhang mit Attraktivität, Weiblichkeit, Durchschnittlichkeit oder Hautfarbe |
| Christensen u. a. 2009 | 1.826 Zwillinge ab 70 | geschätztes Alter | älter Aussehende starben früher (+8 % Risiko je Jahr, bereinigt um das echte Alter) |
| Axelsson u. a. 2018 | Fotos vor und nach Endotoxin-Gabe | akute Krankheit | Kranke über Zufall erkannt (blasse Lippen und Haut, hängende Lider) |
Die Ergebnisse sind ernüchternd. Kalick und Kollegen fanden 1998 an Fotos von 333 Jugendlichen keinen Zusammenhang zwischen Attraktivität und Gesundheit, damals oder später. Die Betrachter hielten attraktive Menschen trotzdem für gesünder; ihre Gesundheitsurteile wurden sogar treffsicherer, wenn man die Attraktivität herausrechnete. Die bislang größte Studie zur Symmetrie (Pound u. a. 2014) vermaß die Gesichter von 4.732 britischen Jugendlichen in 3D und fand keinen Zusammenhang mit Krankheiten in der Kindheit. Studien mit Immunmarkern finden nur schwache oder keine Zusammenhänge (Foo u. a. 2017; Cai u. a. 2019). Jones und Kollegen schreiben 2021, die Immunkompetenz-Hypothese habe „wenig überzeugende empirische Unterstützung“.
Das heißt nicht, dass das Gesicht nichts über Gesundheit verrät. Es verrät nur anderes, als die Theorie annahm. Gut belegt sind drei Signale:
- Wie alt jemand wirkt. In einer dänischen Studie mit 1.826 Zwillingen ab 70 Jahren starben Menschen, die älter aussahen, früher: je Jahr geschätzten Alters stieg das Sterberisiko um 8 %, bei gleichem tatsächlichem Alter (Christensen u. a. 2009). Innerhalb von Zwillingspaaren starb häufiger der älter Aussehende zuerst.
- Schlafmangel. Nach 31 Stunden ohne Schlaf wirkten Menschen auf Fotos weniger gesund, weniger attraktiv und müder (Axelsson u. a. 2010); schon zwei Nächte mit zu wenig Schlaf reichten für einen messbaren Effekt (Sundelin u. a. 2017).
- Akute Krankheit. Zwei Stunden nach einer Injektion von bakteriellem Endotoxin, die das Immunsystem kurzzeitig aktiviert, erkannten Betrachter die Kranken auf Fotos häufiger als per Zufall: an blasseren Lippen und Haut, einem geschwolleneren Gesicht, hängenden Lidern und Mundwinkeln (Axelsson u. a. 2018).
Das Gesicht zeigt also eher den aktuellen Zustand und den Lebensstil als die genetische Ausstattung. Jones und Kollegen schlagen deshalb vor, Schönheit als Signal für Ernährung, Gewicht und Lebensweise zu untersuchen statt als Signal für Immunkompetenz.
Warum das wichtig ist: der Halo-Effekt
Ob Schönheit Gesundheit signalisiert oder nicht: Sie hat Folgen. Die Metaanalyse von Langlois und Kollegen fand, dass attraktive Erwachsene positiver beurteilt (d = 0,50) und besser behandelt werden (d = 0,54). Wer attraktiv ist, wird für kompetenter, sozialer und gesünder gehalten, obwohl die Unterschiede in tatsächlicher Intelligenz praktisch null sind (d = 0,07). Am Arbeitsmarkt zeigte die klassische Studie von Daniel Hamermesh und Jeff Biddle (1994) einen Lohnabschlag von 5 bis 10 % für unterdurchschnittlich Attraktive. In einem Experiment von Markus Mobius und Tanya Rosenblat (2006) bekamen attraktivere Bewerber 12 bis 13 % mehr Lohn je Standardabweichung Attraktivität, sobald Arbeitgeber ein Foto sahen oder mit ihnen telefonierten. Wer nur den Lebenslauf sah, zahlte keinen Aufschlag.
Alle Studien mit Prüfstatus stehen im Quellenverzeichnis. Die Auswertung des London Set ist mit Code nachvollziehbar.